Geschehen im Ersten Weltkrieg.

Nachdem der österreichische Thronfolger in Sarajewo ermordet worden war, wurde seitens der deutschen Regierung angeordnet, die Marine und das Heer sollten sich „Kriegsbereit aufstellen“. Der 2. August wurde als erster Mobilmachungstag festgelegt. Da bereits seit längerer Zeit eine angespannte Stimmung herrschte, wurde dieser Befehl mit Begeisterung begrüßt, glaubte man doch an einen kurzen Krieg.

GAststätte Vorwerk

 

Gaststätte Vorwerk, heute Dalheimer Straße 29, Meerhof, Wandbeschriftung: Jetzt ruft das Vaterland uns wieder, als Reservist als Landwehrmann, Meerhof 2.8.1914, Andenken an unsere Kameraden. Schrift auf dem Fass: Erster Mobilmachungs Tag

„Am Vorabend des ersten Mobilmachungstages versammelte sich der Kriegerverein im Gasthaus Förster, wo der Schäfer Johannes Stöwer seinen besten Hammel zu einem Festmahl herrichtete. In der Frühe des 1. Mobilmachungstages, am 2. August, zogen die ersten jungen Krieger aus der Heimat. Auf mit Grün und Fahnen geschmückten Wagen fuhren sie mit Musik und Gesang nach Westheim. Hier wurden Sie von der Westheimer Musik empfangen und unter Musik und Trommelschlag zur Bahn geleitet. Brausend fuhr der geschmückte Zug, mit hunderten Kriegern schon gefüllt, in die Station ein. Ein letztes Lebewohl, und hin ging es hinaus in die Garnison nach Paderborn, von da nach dem Rhein, über den Rhein nach Belgien hinein. So ging es fast Tag für Tag. Hatte man mit einem baldigen Ende des Krieges gerechnet, so mußten sie sich bald enttäuscht sehen. „Haue bekommen die Feinde, daß sie den Wänden herauf fliegen und Weihnachten sind wir wieder hier“, rief Oberförster Graven siegesbewußt aus, aber Weihnachten 1914 war sein Körper bereits unter der Erde. Ahnungsschwer schrieb der Meerhofer Pfarrer Weber in die Pfarrchronik: „Es ist ohne weiteres klar, dass in diesem Kriege, gegen den die letzten Kriege nur Paraden waren, mit hohen Verlustziffern zu rechnen ist.“

Mit der Mobilisierung wurden der örtlichen Landwirtschaft viele ihrer Leistungsfähigsten Arbeitskräfte entzogen. Nur durch eine lang anhaltende, gute Witterung konnte mit Einsatz von Frauen und Kindern die gesamte Ernte gut eingebracht werden. Was die Hände der Frauen, Mädchen und Greise in den schweren Kriegsjahren geleistet haben, läßt sich hier nicht beschreiben.

Aber schon bald trat, wie Pfarrer Weber schreibt, „auf der anderen Seite ein Mißstand auf, der sich im Laufe des Krieges sehr verschärfte, nämlich die Verteuerung der Lebens- und Bedarfsmittel, besonders derjenigen, die aus dem Ausland bezogen oder zu deren Herstellung  ausländische Artikel nötig waren, z. B. Seife, Öl, Kaffee, Gewürze....Weil in Deutschland sehr viel Rübenzucker hergestellt wird, wurde der Zucker bei seinem alten Preise neben Kartoffeln das Hauptnahrungsmittel für die Kriegszeit. Am höchsten stiegen die Preise für Pferde und Schweine. 1 Pferd, das sonst wohl mit 600 M. bezahlt wurde, kostete 1800 – 2000 M. Für ein gutes Pferd zahlte man später 4000 M. und mehr. In den ersten Kriegsmonaten wurden für die Schweine für 100 Pfd. Lebendgewicht 70 – 80 M. bezahlt, später 100 – 125 M. Da ausländische Fette ausblieben, stiegen die Preise für Butter, Margarine, Schmalz und Speck ebenfalls um das Doppelte. Im Winter zeigte sich eine große Petroleumknappheit, so daß bei jeder Lieferung eine wahre Petroleumjagd, stellenweise sogar Petroleumkrieg entstand.Wie heikel die Nahrungsmittelfrage schon im Anfang des Krieges war, geht daraus hervor, daß...bereits am 28. Oktober 1914 in dieser Sache folgende Verordnungen erlassen wurde:

Mahlfähiger Roggen und Weizen, auch im geschroteten Zustande, Roggen- und Weizenmehl dürfen nicht verfüttert werden. Nur Roggenverfütterung kann ganz ausnahmsweise auf Antrag zugelassen werden. Roggen muß bis zu 72%, Weizen bis zu 75% durch-gemahlen werden. Dem Roggenbrote muß mindestens 5% Kartoffelflocken, Kartoffelwalzmehl oder Kartoffelstärkemehl oder 4% gequetschte oder geriebene Kartoffeln zugesetzt werden. Mehr Kartoffeln enthaltendes Brot ist mit „K“ zu bezeichnen. Bei Zusätzen von Flocken u.s.w. über 20%, von gequetschten oder geriebenen Kartoffeln über 16% ist dem „K“ die Prozentzahl zuzusetzen. Weizenbrot muß mindestens 10% Roggenmehl enthalten.“

Ab 1915 drehte sich im Innern alles um die Ernährungsfrage. Pfarrer Weber schreibt: “ Zwar verkündete die Regierung bald: der Aus- hungerungsplan ist zuschanden geworden, gleichwohl war Einschränkung auf allen Gebieten das Gebot der Stunde.

Die Regierung setzte wieder mit Maßnahmen ein. Vom 15. Februar 1915 wurde der Brotverbrauch im ganzen Reiche einheitlich geregelt. Darnach wird jeder erwachsenen Person und Kindern über 5 Jahren 250 Gramm Brot pro Tag zugewiesen. Kinder unter 5 Jahren erhalten die Hälfte. Die Selbsterzeuger des Brotgetreides dürfen ihr Mehl selbst verbrauchen, müssen aber das übrige Korn an die Kriegsgetreide- stelle des Kreises Büren in Büren abliefern. Für alle anderen Personen wurden Brotkarten ausgegeben. Jede Karte berechtigt zum Kaufen von 1750 Gramm Brot, das also für eine Person eine Woche aushalten muß. In der folgenden Zeit wurden dann ab und zu die Vorräte festgestellt, so am 9. Mai der Roggen, Weizen, und Gerstevorrat, am 15. Mai der Kartoffelvorrat u.s.w.“

Im zweiten Halbjahr 1915 wurde, wie Pfarrer Weber schreibt, „die Lebensmittelfrage immer brennender. Jeder Landwirt erhält eine Mehl- karte, auf der jedesmal vom Müller das ausgemahlene Getreide verzeichnet wird. Die Erd- und Himbeeren waren ausnahmsweise gut ge- raten, und so konnten aus denselben Säfte und Gelees hergestellt werden, die in bester Weise die so teure und rare Butter ersetzen. Auch aus Holunderbeeren und Hagebutten wurde Marmelade hergestellt. Seit September sind alle Kupfer- und Messinggeräte beschlag-nahmt. Entbehrliche Sachen wurden von der Behörde (beschlagnahmt) angekauft, nötige Geräte dürfen vorläufig erst noch gebraucht werden. 

Mitten in den Kriegswirren gab es für die Meerhofer ein freudiges Ereignis, am 14. Oktober 1915 wurde die neu errichtete Pfarrkirche ge- weiht.

Im Jahr 1916 nimmt, wie Pastor Weber weiter schreibt, „die Lebensmittelteuerung immer mehr zu. So kostet z.B. 1 l. Öl 8, sogar 10 M., 1 Pfd Butter 2,40 M. Speck ist fast nirgends mehr zu haben und zu bezahlen....Hausschlachtungen unterliegen der staatlichen Kontrolle und werden bis auf weiteres untersagt.“  Am Meisten hatten die Stadtbewohner zu leiden, darum zielten viele Maßnahmen auf ihr Wohl- ergehen. Eine dieser Maßnahmen war, wie Pfarrer Weber berichtet, „die Überbringung von  Stadtkindern auf das Land.“ Ihnen wurde ausreichende Ernährung unter der Landbevölkerung gewährt. Es fanden 8 Kinder Aufenthalt; daneben hatten auch zahlreiche Familien Stadtkinder aus Verwandten- und Bekanntenkreisen aufgenommen. Im September fielen die Haferernte und die Aussaat der Winter- frucht zusammen, dazu wurden von der Militärverwaltung Gefangene zur Verfügung gestellt. Auch dem Forst wurde Entgegenkommen gezeigt, um notwendiges Kriegsholz zu schlagen. Bei der Gaststätte Vorwerk, heute Dalheimer Straße 29 in Meerhof, wurde ein Gefan- genenlager für 30 Franzosen eingerichtet. Die Getreideernte wurde als eine Mittlere bezeichnet. Die Kartoffelernte fiel wegen Krautfäule in diesen Jahr sehr schlecht aus, so dass, ein allgemeiner Kartoffelmangel herrschte. Der allgemeine Mangel an Nahrungsmitteln konnte im Winter 1916/ 1917 nur durch den Verzehr der reichlich Vorhandenen Kohlrüben gemildert werden. Neben der bekannten Kohlrüben- suppe gab es  Koteletts von Kohlrüben und Kuchen von Kohlrüben. War einem alles mal über, so gab es auch Kohlrübenschnaps. 

Im Jahre 1917 wurde infolge des starken Verbrauchens von Munitionen nach dreijähriger Kriegszeit das Kupfer allmählich knapp. Darum wurde am 30. Juni 1917 unsere kleine Glocke  abgeholt.

1918

Die inzwischen von Pastor Hesse weitergeführte Chronik verzeichnet, dass vom ersten März an Milchkarten eingeführt wurden und dass jeder Selbstversorger nur noch 6 ½ kg Brotgetreide pro Monat erhielt.

Weiter heißt es: „Am 13. Juli wurden die Meerhofer um 5.15 Uhr durch einen dem Erdbeben ähnlichen Krach geweckt.“ Die Munitions-fabrik in Hoppecke war infolge eines Unfalls gesprengt worden.  Vom  24. Juli an wurden sogar Feldpatrouillen  zur Bewachung der Felder aufgestellt, weil immer wieder Früchte von so genannten Hamsterern  geraubt wurden. Mitte  August wurden fleischlose Wochen einge-führt; danach erhielt jede Person nur noch 100 Gramm Fleisch pro Woche.  Im Oktober kam dann die spanische Grippe nach Meerhof und forderte viele Opfer. Unter anderem starb an dieser Grippe der französische Kriegsgefangene Marcus Milon. Auch nach dem Waffenstill- stand am 11. November 1918 verbesserte sich die Versorgungslage der Bevölkerung nur schleppend.

Christoph Lücke