Heinrichsflut, oder als die Flut in unsere Heimat kam.

 

Vor 50 Jahren, am 16. Juli 1965, wurde unsere Heimat durch ein seltenes Wetterphänomen getroffen: der Bildung eines Kaltluftpfropfens. Ein Kaltluftpfropfen ist ein Kaltluftbereich, der sich in großer Höhe befindet und von warmer Luft umschlossen ist. In den Sommermonaten führen solche Kaltluftpfropfen zu sehr ergiebigen Regenfällen und Gewittern, so auch am 16. Juli 1965. Nach Angaben der Wetterstation in Bad Lippspringe wurde eine Niederschlagsmenge von 135 Litern je qm gemessen. Der Regen traf auf einen Boden, der infolge eines feuchten Frühjahres bereits von Nässe gesättigt war  und deshalb weitere Wassermengen nicht aufzunehmen vermochte. Darum wurde der Starkregen des 16. Juli über die Erdoberfläche abgeführt.

In Meerhof trafen die an der Oberfläche geführten Was­ser­ströme aus dem Kirchweg (Zur Egge), dem Oberdorf, dem Kohlweg und der Sintfeldstraße am Grund­stück nahe der Einmündung der Drosselgasse aufeinander und durchströmten das  Haus Rosenkranz (Sintfeldstraße 7) auf dem Weg zum Rhein. In zahlreichen weiteren Häu­sern im Unterdorf liefen die Keller voll, sodass sie ausge­pumpt werden mussten.

Heinrichsflut

Im Meerhofer  Wald wurde aus dem kleinen Piepenbach ein großes Fließgewässer, des­sen Wassermassen sich an der Dalheimer Klostermauer stauten, bis sie dem Druck nicht mehr standhalten konn­te. Die Fluten durchbrachen die erste und auch die zweite Mauer und ergossen sich zur „Neuen Mühle“ hin, wo sie sich mit der ebenfalls Hochwasser führenden Altenau vereinigten und durch das Altenautal nach Husen, Etteln und Henglarn flossen. Die Gemeinde Etteln  wurde besonders schwer heimgesucht. Die Fluten rissen Häuser und Stallungen ein; sie trieben Hausrat, Autos, lebendes und totes Vieh vor sich her. Sonst ein friedliches Bächlein, wandelte sich die Altenau in einen schmutzigen gelb-braunen Strom, der sich mit einer zwei Meter hohen Welle durch Etteln wälzte.  So eine Flut hatte man seit Menschengedenken nicht erlebt; denn sie reichte bis in die zweite Etage der Wohnhäuser.

Auf der anderen Seite der Egge, die zur Weser hin entwässert, kam es dicht unterhalb des Höhenkammes auf ca. 600 Metern zu einem Erdrutsch. Dieser begrub den europäischen Fernwanderweg „Alpen – Ostsee“  unter sich. Geht man heute auf diesem Weg, so ist dieser Erdrutsch noch immer gut in der Landschaft zu erkennen. Auf der Oesdorfer Seite der Egge stürzte das Wasser vom Hohenloh in den Dahlbach. Dieser schwoll zu einen riesigen gelbbraunen Strom an, stürzte durch die Hüffe zum heutigen Andreasplatz. Dort wurde eine Brücke beschädigt und ein Haus sogar derart, dass es neu errichtet werden musste. Ein weiters Haus konnte durch das Öffnen der Deelentür gerettet werden, damit der Dahlbach fast ungehindert durch das Gebäude fließen konnten. Zwischen Oesdorf und Westheim wurde die Straße im Bereich der Zufahrt zum Karolinenhof vollständig wegge­spült. Da­hin­ter rissen die Flu­ten eine leere Wassertonne mit. Diese Tonne verklemmte sich in der Unterquerung der B7. Weiterer Unrat und Gras verstopften diese Engstelle schließlich so sehr, dass sich der Dahlbach aufstaute und in Westheim den gesamten Bereich nörd­lich des Bahndamms überflu­tete. An der Molkerei wurde ein Wasserstand von 1,10m gemessen.

In den Bicke-Wiesen bei Blankenrode kam es zu einer weiteren Katastrophe. Pater Kleffner notierte in der Pfarr­chronik: „Bei der Abendmes­se wurde ich schnell­stens zu ei­nem Versehgang gerufen nach Blankenrode. Ein Schü­ler, Heiner Kukuk, war beim Kühehüten vom Wasser er­fasst, meiner Ansicht nach vor einen Stacheldraht geschwemmt und ertrank.“

Meerhofer, die sich als Pendler von Paderborn aus auf dem Heimweg befanden, hatten wegen der Fluten große Mühen, nach Meerhof zu kommen. Pater Kleffner berichtet dazu: „Ich war selbst unterwegs und wusste mit dem Wagen fast nicht nach Meerhof zurückzukommen. Von der Henglarner Höhe sah ich Henglarn unter Wasser. In Borchen ging die Brücke hinter uns nieder.“ Einige Meerhofer gelangten nur mit Hilfe von Pferdefuhrwerken zurück nach Meerhof.

Durch die Heinrichsflut im Juni 1965 verloren in unseren näheren und weiteren Nachbardörfern elf Menschen ihr Leben.

Christoph Lücke