Vor 150 Jahren: Hunger in Meerhof

Ursachen: Mäuseplage und katastrophales Wetter im Sintfeld.

Der damalige Orts-Chronist beschreibt das Frühjahr 1866 als kalt und trocken, sodass das Wintergetreide durch eine  verspätete Schneeschmelze und auch unter der rauen Luft sehr gelitten habe. Nach der Aussaat des Sommergetreides sei es zunächst sehr trocken gewesen, dann aber habe es geregnet und alles sei „hoffnungsvoll aufgegangen“.

Weiter schreibt der Chronist: „Doch bald zeigte sich ein neues Übel. In kurzer Zeit war die Feldmark wie überschüttet von Mäusen, welche jede Fruchtgattung angriffen. Mit aller Gewalt mußte im Monate August die Winterfrucht abgemäht werden, um diese in etwa der Verheerung zu entreißen. Darauf fielen die Mäuse die Sommerfrucht an und bis diese zur Reife kam, war sie auch größten Teils vernichtet. Mehrere große Stücke Hafer und Wicken konnten gar nicht gemäht werden. Dieser Schaden ist gar nicht zu berechnen, da der Ackerbau der Haupterwerb der Gemeinde ist. Das Brotmaterial ging bei den meisten zu früh aus und von den übrigen Früchten konnte wenig verkauft werden, somit mußten sich die Schulden der Einwohner vergrößern.

Maeuseplage

 

Aber dies ward noch nicht allein. Die Ernte war noch nicht ganz vollendet, so fielen die Mäuse über die neu ausgesäte Winterfrucht her. Sie fraßen die Körner, ehe sie aufgingen, das grüne Keimchen, was ihnen zuerst entgangen war und nach kurzer Zeit war in der ganzen Feldmark kaum noch ein Hälmchen grüner Roggen oder Weizen oder auch ein Pflänzchen Klee oder anderer Futterkräuter zu sehen. Es wurden Fallen zum Fangen gelegt und Tausende gefangen; es wurde Gift gelegt und Millionen damit getötet, aber alles half nichts. Der ganze Boden des Feldes war unterwühlt und die Oberfläche war einem großen Sieb ähnlich. Mit Schaudern sieht man dem kommenden Jahre entgegen.“

Im darauf folgenden Jahr 1867 wurde aufgrund der  Mäuseplage im Vorjahr die Aussaat für die Sommerfrucht vernichtet. Für die erneute Aussaat mussten viele Meerhofer Schulden aufnehmen.  Die Not vergrößerte sich als im Mai, die meisten das Viehfutter aufgebraucht hatten und noch kein neues Futter in Aussicht war.  Der Chronist notiert: „Man sah das arme Zugvieh bei den vielen Arbeiten wankend vor Pflug und Egge gehen und das Rindvieh wie ausgemergelt stehen.“

Dies änderte sich erst, als die Königliche Regierung  erlaubte, auf Wegen und freien Plätzen im Wald das Vieh zu hüten. Für die Beschaffung von Saatrogen mussten wieder Schulden aufgenommen werden, für die – so der Chronist – „noch Generationen bezahlen werden“.

Die größte Not war das fehlende Brot und die steigenden Preise für Brotgetreide. Woher Brot nehmen, damit die Vielen was zu essen haben? Etliche hatten schon zu Anfang des Jahres ihren geringen Vorrat aufgezehrt. Die Preise fürs Brotmaterial stiegen von Monat zu Monat. Da Geld knapp war und niemand noch mehr  Schulden anhäufen wollte, steigerte sich die Not ins Unermessliche. Auf Antrag des Amtsrates Brunstein an die Königliche Regierung genehmigte diese die Ausgabe von Brotgetreide aus den militärischen Magazinen auszugeben, wobei das Ausgegebene von der kommenden Ernte ersetzt werden sollte.

Die Chronik berichtet weiter, das Jahr 1867 sei regnerisch und nass verlaufen. Wegen anhaltenden Regenwetters verdarben die meisten Früchte im Felde. Auch was nass nach Hause gefahren wurde, verdarb schließlich. Die nasse Witterung zog die Ernte bis in den November hinein, wo es bereits Frost gab und Schnee fiel. Das Grummet blieb auf den Wiesen liegen. Die Kartoffeln schienen anfangs gut zu werden und den Hunger zu stillen, jedoch durch die große Nässe „kamen selbige im Herbst schlecht und viele faulkrank ein“.

Über die neue Aussaat heißt es: „Die Winterfrucht und Futterkräuter haben ein gutes Aussehen und versprechen, sofern sie vor Unheil bewahrt bleiben, eine gute Ernte.“ Weiter schreibt der Chronist: „Das Jahr 1868 ist ein in Wahrheit gesegnetes Jahr. Auf einen gelinden Winter folgte ein warmer Frühling, wodurch die Aussaat der Sommerfrüchte befördert wurde. Zuweilen eintretende Gewitterregen beförderten das Aufkeimen der Früchte und bald standen die Felder in üppiger Fülle da und versprachen die beste Hoffnung, die sich im Herbste auch aufs beste bewährte. Die Roggen-, Weizen- und Kleefelder, die schon im vergangenem Herbst ein gutes Aussehen hatten, zeigten sich bald so, daß nichts daran zu wünschen übrig blieb. Schon in den letzten Tagen des Monats Mai wurde der Klee zur Fütterung gemäht und verschaffte hinreichende Fourage[1], eine ganz andere Wendung gegen die Vorjahre. Der Sommer war sehr trocken und warm. Zuweilen erfrischte ein Gewitterregen die Fluren und alles stand in schönster Pracht. Die Heuernte war gut und ging rasch vorüber. Schon Mitte Juli begann der Roggenschnitt und auf Laurentius, welches Fest den 9. August gefeiert wurde, wurden schon aus dem Mehle des neuen Weizen Kuchen gebacken. Auch die übrige Ernte ging gut und möglichst rasch vorbei. Mitte September waren die meisten damit fertig. Alle Bodenräume und sonstige Winkel waren gefüllt und 7 bis 8 Korndiemen[2] auf dem Felde sagten jedem Fremden, daß die Gemeinde eine gute Ernte gemacht habe. So wie das Getreide die Böden füllte, so füllten die Kartoffeln die Keller. Nicht nur eine Menge, sondern auch wohlschmeckender Kartoffeln wurden geerntet. Nur das eigentliche Gemüse war wegen der Dürre zurückgeblieben und kam nicht so reichlich ein. Auch der Herbst war mehr trocken, als naß und der Ackersmann konnte mit der größten Gemächlichkeit die Äcker umpflügen und die Schäfer ihre Herden zu ihrer größten Freude bis in den Winter hinein hüten. Die neuen Winteraussaaten und die Kleefelder versprachen wieder alles Gute. Ein Winter schien nicht herankommen zu wollen. Geringer Frost und Schneefall wechselten immer wieder mit Tauwetter bis Neujahr. Anfangs November kam die Verfügung, daß das im vorigen Jahre aus dem Militär- Magazin zu Minden erhaltene Brotmaterial, 1121 Centner halb Roggen, halb Mehl, abgeliefert oder bezahlt werden sollte. Auf besondere Verwendung des Herrn Amtmann Brunnstein gelang es demselben, mit einer zuverlässigen Kornhandlung zu Minden abzuschließen, das erhaltene Brotmaterial in hartem Korn wieder abzuliefern. Der hiesige Hafer war ausgezeichnet geraten und wurde deshalb als Saathafer gesucht.“

Nach einer weiteren guten Ernte im Jahr 1869 ereilte dem Sintfeld erneut eine Mäuseplage. Die Chronik berichtet zum Jahr 1870: „In diesem Jahre richteten in unserer Feldmark die Mäuse großen Schaden an. Sämtlicher Klee und der größte Teil der Winterfrucht waren während des Winters durch Mäusefraß so zerstört worden, daß die meisten der betreffenden Äcker im Frühjahr umgepflügt und mit Sommerfrucht bestellt werden mußten und auch diejenigen, welche am wenigsten gelitten hatten, lieferten nur einen äußerst geringen Ertrag. Die Beschaffung des erforderlichen Saatkorns und der Fourage brachte die Einwohner hiesiger Gemeinde in sehr drückende Verhältnisse, und da der Sommer in Folge vorherrschender Dürre und der Herbst wegen zu großer Nässe die Früchte nicht gedeihen ließ, so wurde die Ernte überhaupt, insbesondere aber die Kartoffelernte sehr schlecht.“

Von den verbleibenden Jahren bis 1900 sind weitere fünf Jahre von einer Mäuseplage gekennzeichnet. Weitere acht Jahre sind durch ungünstige Witterung geprägt. Über eine Notzeit wie in den Jahren 1866 und 1867 wird allerdings nicht mehr berichtet.

 

[1] militärischer Begriff für Pferdefutter

[2] im Freien angehäuftes Korn